Die Suche nach den merkwürdigen anderen Dingen
Erzählung von Ernst Schworm

Er erschrak, als er die großen, grauen Segel auf sich zukommen sah in dem winzigen Hafenbecken der kleinen Stadt Allinge auf der schönen Insel Bornholm. Das Schiff ARON wendete langsam seinen Bug dem offenen Meer zu, und Hans wurde endlich bewußt, was geschehen war. Das Schiff hatte abgelegt, und von der Besatzung hatte keiner darauf geachtet, ob er selbst, Hans, schon wieder zurück an Bord war. Die Hafenausfahrt war sehr eng, und das Schiff fuhr noch einmal dicht an das Kai heran. Nur ein paar Meter weit von der Mauer entfernt schwebte es langsam herbei. "Fast müßte ich hinüber springen können", dachte Hans. Und jetzt entdeckten die Leute von der Schiffsmannschaft auch ihn. Verdutzt und staunend ließen sie ihre Arbeit liegen und starrten zu Hans herüber. Einige begannen zu lachen.
"Nich springen", rief Lothar aus Berlin. "Det Wasser is naß und schmutzig!"
Und der Kamerad Wolf aus Frankfurt fügte hinzu: "Da steht er, der Freund Hans aus Kusel. Ich glaub in dem Kusel wissen se noch net, daß irgendeiner vorn paar hundert Jahrn die Uhrn erfunne hat!"
Kristian, der dänische Skipper, stand am Ruder. "Das ist ärgerlis, Hans", rief er herüber. "Is kann dir nist elfen. Unter Segel geht nist noch einmal anlegen. In Hasle bleiben wir über Nacht. Sieh, wie du kannst inkommen. Bis morgen Mittag 12 Uhr wir wollen bleiben!"
Das Schiff passierte die enge Hafenausfahrt, wendete nach Norden und segelte bei halbem Wind gemächlich der Küste entlang. Hans stand wie angewurzelt auf seinem Platz am Kai, sein Gesicht war vor Ärger dunkelrot geworden. Da stand plötzlich ein älterer Mann neben ihm, der trotz des warmen Sommerwetters eine Ohrenmütze über den Kopf gezogen hatte.
"Is abe gesehen dis auf der Bank liegen und slafen. Is abe nist gewußt, du gehörst zu ARON. Is ätte dis wecken können."
Hans bedankte sich für das Mitgefühl. "Alles schön, guter Mann. Wenn ich nur wüßte, wo dieses verdammte Hasle liegt und wie ich da hinkommen soll."
"Nist fluchen", versuchte ihn der Bemützte  zu beruhigen. "ARON fährt nach Norden und muß weit über Hammer Odde hinaus segeln und dann nach Süden wenden."
"Was ist Hammer Odde?"
"Das ist Nordspitze von Bornholm."
"Die ARON wendet also nach Süden und segelt dann entlang der Westküste dieser schönen Insel?"
"Du ast verstanden. Und an Westküste ist Hasle, gut halber Weg von Hammer Odde nach Rønne!"
"Mein Gott, das muß ja unheimlich weit von hier entfernt sein!"
"Nist sehr weit. Du kannst nehmen Taxi eine halbe Stunde. Du kannst fahren mit Fahrrad eins bis swei Stunden. Du kannst gehen zu Fuß, vielleist vier Stunden."
"Und wann könnte die ARON in Hasle sein?"
Der Alte zog eine Grimasse und überlegte. "Vielleist auch in vier Stunden, wenn Wind so ist wie jetzt."
Hans schüttelte verzweifelt den Kopf und zog seinen Geldbeutel aus der Tasche, öffnete ihn vor den Augen des alten Mannes, schüttelte das Geld darin. "Wieviel kann das sein? Ti eller femten Kroner?"
"Nist genug für Taxi", lachte der alte Mann.
"Und ein Fahrrad habe ich natürlich auch nicht"
"Mußt machen Autostop!"
"Die Autos würden mich sicher mitnehmen. Dann müßte ich vielleicht vier Stunden lang in Hasle auf die Ankunft der ARON warten. Wie soll ich mir da  ganz allein die Zeit vertreiben? In dem kleinen Nest würde ich mich zu Tode langweilen."
"Dann du mußt laufen!"
"Diese Idee ist nicht schlecht. Was bleibt mir eigentlich sonst übrig? Jetzt müßte ich nur noch wissen, wie ich den Weg dorthin finde!"
"Is kann dir auch geben Geld für Taxi."
"Nej, nej, das ist sehr freundlich. Wenn ich zu Fuß längstens vier Stunden brauche, komme ich ja immer noch vor Sonnenuntergang hin, und ich kann auf dem Schiff schlafen. Stehen wenigstens ordentliche Wegweiser an der Straße?"
"Ja, ja. Aber du mußt nist über Autostraße laufen. Da sind Wege für Fahrrad und für Fußtouristen."
"Für Fußtouristen? Den Weg muß ich finden!"
"Komm mit, is will helfe dis. Du bist aber son ein bis-sen anders als die vielen Leute, die immer zu uns kommen!"

Der liebe Mann führte Hans zu einem Zeitungskiosk und klärte dessen Inhaber über das ganze Mißgeschick des jungen Deutschen aus Kusel auf. Der Zeitungsverkäufer lachte, als sei es ein besonders schönes Mißgeschick, das Ablegen eines Schiffes zu verpassen. Dann holte er ein Bündel Landkarten herbei und fand einen Plan, auf dem die nördliche Hälfte der Insel aufgezeichnet war.
"Du kannst einige Wege gehen", sagte der Kioskbesitzer. "Quer über die Insel nach Hammershus Ruin ist vielleist eine Stunde. Dann drei Stunden immer am Meer entlang nach Süden bis nach Hasle. Oder nach Süden bis Olsker und nach Olskirke eine gute Stunde.  Von Olskirke nach Westen bis zum Meer bei Jons Kapel auch eine Stunde. Dann Cykelesti immer dicht bei Meer nach Hasle nist gans swei Stunden."
Nun konnte Hans wählen. "Diese Olskirke ist eine Rundkirche?"
"O ja, söne Rundkirke. Wir aben nur vier in ganze Insel."
"Dann wähle ich den Weg über die Kirche. Hoffentlich verirre ich mich nicht."

Der Mann hinter dem Ladentisch malte eine Linie auf die Landkarte, erklärte Hans noch einmal den Weg und reichte ihm das Blatt über den Ladentisch.
"Und was muß ich nun zahlen?"
"Du ast nist viel Geld. Du wirst einmal wiederkommen und eine Zeitung kaufen!"
Hans war glücklich. Er umarmte den alten Mann mit der Ohrenmütze und setzte zu einer Dankesrede an. "Wann han eich schon emol so gute Mensche agetroff. Ich lade eich in zu mir no Kusel. Dann zeig ich eich ach s'Heimatmuseum und die Lichteburg. Ihr stellend eich nit vor, wie glicklich eich bin. Vorstår De hvad jeg siger?"
Die zwei freundlichen Männer schüttelten den Kopf.
"Jeg kan ikke forstå", lachte der Alte.

*               *              *

Auf der Höhe über Allinge fand Hans leicht den Wanderweg und strebte gemächlich voran über Heiden und durch Gebüsch, erblickte zu Zeiten in der Ferne das weite Meer. Weit im Osten erkannte er schemenhaft die Inselgruppe Ertholomene, von der aus sie am Morgen nach Allinge gesegelt waren. Dort drängen sich auf den runden Felsklippen mit schrillem Geschrei die Vögel zu Tausenden dicht aneinander, Eiderenten, Silbermöven, Tordalks und Trottellummen. Nur auf Christiansø und Friederiksø leben Menschen, und die enge Durchfahrt zwischen beiden Inselchen bildet einen kleinen Hafen. Schon vor hunderten von Jahren hatten auf Schiffen die Bewohner von Bornholm Erde und Sand hinübergeschafft, um Gärten und kleine Äcker anzulegen. Der König von Dänemark ließ eine Seefestung zum Schutz gegen schwedische Kriegsschiffe erbauen. Die ehemaligen Kasernen sind heute wieder bewohnt, und auf dem Schanzen stehen noch immer die alten Kanonen. Rothenburgidylle inmitten der Ostsee.
Indem Hans von den merkwürdigen Inseln träumte, wartete plötzlich vor ihm am Rand des Fußpfades ein junger Mann. Auf dem Kopf trug dieser einen schwarzen Schlapphut mit breiter Krempe, vor seiner Brust hing ein großer Fotoapparat, und in seinen Händen hielt er ein schweres Fotostativ.
"Guten Tag, ich bin Eric. Auf dieser Strecke habe ich dich erwartet", sagte dieser Mann in fließendem Deutsch. Hans erwiderte den Gruß und wunderte sich darüber, daß ihn da irgendeiner, weit ab von der deutschen Heimat, auf dänischem Territorium wie selbstverständlich in seiner Muttersprache anredete.
"Kann man mir ansehen, daß ich aus Deutschland komme?"
Der mit dem schwarzen Hut schüttelte den Kopf. "Nein, nicht unbedingt. Aber eigentlich kannst du nur derjenige junge Mann sein, dem im Hafen von Allinge das Segelschiff .... "
Hans war verdutzt und geriet ins Stottern. "Wie, wie was ..."
"Du mußt dich nicht über meine Kenntnisse verwundern. Vorhin habe ich an meinem Autoradio die wunderschöne Geschichte erfahren. Ich dachte, der Kerl könnte auf diesem einsamen Pfad herumlaufen, wenn er auf dem nach Hasle ist. Meine Vermutung ist richtig?"
"Allerdings. Alles stimmt. Wieso reden die darüber am Radio?"
"Wir sind hier auf Bornholm. Diese Insel ist wie ein ganz kleiner, in sich abgeschlossener Kontinent. Da geschieht aber nicht allzu viel. Und die Radioleute sind dankbar für jede kleine Story, mit der sie ihre Hörer unterhalten können. Sie erbitten Nachricht von jedermann, dem dieser einsame deutsche Wanderer inmitten der Insel begegnen würde."
Er zog sein Mobiltelefon aus der Tasche, tippte eine lange Nummer ein und begann zu reden. Hans konnte nicht viel verstehen, merkte aber, daß es um ihn ging, um einen einsamen tyske Wandrevugl.
"Du hast denen im Sender erzählt, daß du mich hier getroffen hast?"
"O, ja. Und die verkünden jetzt ihren Zuhörern, der deutsche Wanderer Hans hat einen Wissenschaftler getroffen, der sich um die Helleristningerzeichen kümmert."
"Worum kümmerst du dich?"
"Um Helleristninger. Das sind Felszeichnungen aus der Vorzeit, die wir auf  Bornholm an manchen Plätzen finden. Wir müssen die von Zeit zu Zeit fotografieren, damit wir sehen, ob etwas verändert wurde."
"Und solche ..."
"Helleristninger ..."
" ... sind hier ganz in der Nähe. Du willst sie aufsuchen, um sie zu fotografieren?"
"Genau so ist es. Da beschäftige ich mich mit einer ganz geheimnisvollen, merkwürdigen Welt!"

Die beiden Männer liefen plaudernd noch einige hundert Meter weit nebeneinander her, und dann machte Eric auf einen Felsblock seitlich im Gebüsch  aufmerksam, in den ziemlich große Zeichen eingeritzt waren, Rad- und Sonnenkreuze, Fußstapfen, stilisierte Schiffe.
"Daran wäre ich achtlos vorbeigelaufen", sagte Hans erstaunt. "Wie schön, daß ich dich in dieser Einsamkeit getroffen habe. Welche Bedeutung haben diese Zeichen?"
"Das ist schwer zu sagen. Stell dir vor, du kämest von einem anderen Stern und würdest bei uns die vielen Kirchen mit ihren hohen Türmen sehen, hättest aber noch nie ein Wort über Jesus Christus gehört. Könntest du dann unsere Kultur deuten?"
Hans nickte. Eric fotografierte umständlich und mit großem Bemühen um Exaktheit seine Helleristninger, und dann saßen die beiden Männer noch eine Weile nebeneinander auf einem Baumstamm.
"Ja, du kannst an diesem Abend und in der Nacht noch einiges erleben auf der Insel. Vielleicht hast du noch gar nicht daran gedacht. Es ist Solhverv, die Sonnenwende."
"Und das wird hier noch gefeiert?"
"Na ja, man hat Spaß. Junge Leute treffen sich, machen vielleicht ein Feuer, machen Musik und tanzen, trinken Bier und andere gute Getränke."
"Und du wirst nicht feiern?"
"Das weiß ich noch nicht. Zuerst suche ich noch ein paar andere Plätze mit Helleristninger. Meine Freunde sind schon unterwegs zu einem Fest, auch meine Freundin. Vielleicht komme ich hin, wenn ich nicht an einen anderen lustigen Platz bleiben kann. Du mußt jetzt geradewegs auf dem Pfad weitergehen. Dann kommst du in einer halben Stunde nach Olske und nach Olskirke. Das mußt du dir ansehen. Ihr habt das nicht in Deutschland. Du kannst auch mit mir kommen zu meinem Auto. Ich fahre dich dann sofort nach Hasle!"
Nein, Hans wollte nicht sofort nach Halse fahren. Doch er bat, an Radio Bornholm einen schönen Gruß zu bestellen.

      *  *  *

So lief er wieder allein den Pfad entlang zwischen tausend bunten Heideblumen dem kleinen Ort Olske und Olskirke entgegen. Er erreicht das Haus eines Bildhauers, das verlassen am Waldrand steht, und auf einer Lichtung hat der Künstler einen großen Teil seiner Werke aufgestellt, vielleicht hundert Steine, die wie große, schlanke Menhire wirken. Aber die Kelten waren wohl nie auf Bornholm zu Hause. Hans klopft an die Tür des Hauses, möchte mit dem Künstler sprechen. Es meldet sich niemand, aber die Tür läßt sich öffnen. Nicht einmal bellt ein Hund.

Der Pfad mündete in eine Autostraße, und dann kam der kleine Ort Olsker. Hans redete mit einem Mann, der im Garten arbeitete. Ja, Olsker sei eine Stadt sagte er. Aber es gebe kein einziges Geschäft mehr in der Siedlung. In den Häusern würden fast nur Steinarbeiter der nahe gelegenen Granitbrüche wohnen. Aber auch diese Arbeiter müßten nach und nach fortziehen. Im Steinbruch gäbe es ja immer weniger Arbeit, und notfalls könne man von der Küste her sehr schnell im Auto herauf zu der Hochebene kommen.

Zur berühmten Rundkirche lief Hans noch zwei- oder dreihundert Meter weiter. Als er näher kam, hörte er lautes Singen. Sie halten wohl Gottesdienst wegen des Sonnwendfestes, dachte Hans. Die Kirche lag inmitten eines großen, sehr gut gepflegten und ummauerten Friedhofs. Hans trat in die Kirche ein und setzte sich in eine der hinteren Bänke, die sich im Halbkreis um einen reich geschmückten Altar gruppierten. Nur ein paar alte Leute saßen noch in den vorderen Bänken. Der Pfarrer hatte inzwischen zu predigen begonnen. Hans hob seinen Kopf zur Decke und gewahrte eine gleichmäßig konstruierte, flache Kuppel. Alles nicht so prunkvoll, dachte er. Aber doch eigenartig schön. Und wieder wurde gesungen. Hans wunderte sich, daß keine Orgel erklang. Ein Vorsänger sang eine Strophe vor und übertönte mit seiner lauten Stimme alle Gottesdienstbesucher. Während des Gesangs ließ der Kirchendiener den Klingelbeutel umgehen. Hans schüttete alle Münzen hinein, die er noch in seinem Geldbeutel hatte.

Nach dem Segen stellte sich der Pastor am Portal auf und verabschiedete seine wenigen Schäflein. "Und das ist der junge Mann, dem das Schiff davon gesegelt ist", sagte er in fließendem Deutsch zu Hans, der sich gerade vorbei schleichen wollte. Dem jungen Deutschen stieg das Blut ins Gesicht. "Verzeihen Sie", antwortete er. "Ich kann nicht sagen, daß mir Ihre Predigt gut gefallen hat, denn ich habe kaum ein Wort verstanden. Aber die Kirche ist außergewöhnlich schön. Hat man eine Ahnung davon, warum sie so rund angelegt wurde?"
"Sie wundern sich nicht darüber, daß mir die Geschichte von dem davongefahrenen Segelboot bekannt ist?"
"Nein, nicht mehr. Wohin ich komme, erkennen mich die Leute, und sie bedauern mich. Dabei freue ich mich inzwischen darüber, daß mir das Schiff davon segelte. Was soll eigentlich schöner sein, als zu Fuß über die Insel zu wandern?"
"Ja, die Touristen besuchen bei uns zumeist nur die kleinen Städte am Meer. Verhältnismäßig wenige verirren sich auf die Höhe."

Und dann hielt er einen kleinen Vortrag über die Kirche. Alles sei ein wenig geheimnisvoll und nicht recht durchschaubar. Eigentlich sei die Kirche ein fester Turm, ein wahrer Festungsturm, den die Bauern des Landes vor fast 800 Jahren auf einem leicht erhöhten Punkt mitten zwischen den Bauernhöfen erbaut hätten. "Von den hohen Dachfenstern aus sahen die Wächter weit in die Ferne. Zu jener frühen Zeit kamen räuberische Wenden über das Meer. Vor ihnen suchten die Familien der Bauern von der Hochebene und die Fischersleute aus den Dörfern am Meer Zuflucht in der wehrhaften Kirche."
Hans bedankte sich freundlich und wollte sich schon verabschieden. Doch der Pastor kam ihm mit einem Vorschlag entgegen. "Wissen Sie schon, wo Sie heute übernachten", fragte er.
"Nein", entgegnete Hans. "Darüber mache ich mir keine Sorgen. Wenn ich wollte, könnte ich jetzt noch schnell nach Hasle laufen. Sehr weit kann das ja jetzt nicht mehr sein."
"Na ja, welchen Weg man gerade läuft. Zwei bis drei Stunden sind es immer noch. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Eine halbe Stunde weit von hier steht ein kleines Ferienhaus, das meiner Familie gehört. Dort können Sie übernachten."
Hans war verblüfft, wollte das großzügige Angebot zurückweisen, nahm es dann doch an.
"Und, nun ja, wie kann ich Ihnen den Schlüssel wieder zukommen lassen", fragte er stockend zurück.
"Es ist hier im Hochland nicht unbedingt notwendig, daß man ein Haus fest verschließt", gab sich der Pastor sorglos. "Legen Sie den Schlüssel einfach auf den Tisch, wenn Sie morgen in der Früh nach Hasle aufbrechen. Die Tür kann offen bleiben. Es ist ein sehr kleines Haus, eine Hütte. Der Name steht über der Tür: Hedehus, das Haus in der Heide."

      *     *  *

Von der Rundkirche aus mußte er nun auf dem Pfad über Heideland und durch Gestrüpp unentwegt nach Westen laufen. Irgendwo auf halbem Weg zur Westküste mußte das kleine Ferienhaus stehen. Noch überlegte Hans, ob er einfach den Schlüssel auf den Tisch legen sollte, um dann schnurstracks  nach Hasle weiterzulaufen. Da hörte er plötzlich lautes Reden, Singen und Musizieren, erreichte einen freien Platz vor einem zerfallenen Bauernhaus und sah eine fröhliche Schar junger Menschen umher toben. In der Absicht, schnell und vielleicht unbemerkt an der Gruppe vorbeizukommen, beschleunigte er seine Schritte. Aber die jungen Leute erkannten ihn, riefen unverständliche Sätze durcheinander, kamen auf ihn zugelaufen. "Her er han den unge Mand fra Sejlskiben. Da ist der Junge von dem Segelschiff!"

Sie führten ihn zu den Tischen auf dem kleinen Festplatz, boten ihm reichlich zu essen an, gaben ihm "Öl" zu trinken, gutes dänisches Bier aus Kopenhagen. Folkloremusik erklang, eine junge Frau fiedelte auf der Geige, ein Mann bearbeitete das Schlagzeug. Vor der Hausruine stand ein Planwagen, mit dem die ganze Gesellschaft wohl hier her gekommen war. Das Pferd war an einem Baum festgebunden. Gleich neben dem Wagen knisterte ein großes Feuer. Rot und gelb loderten die Flammen gegen den Himmel.

Die meisten dieser jungen Dänen verstanden deutsch. Die englische Sprache beherrschten alle. So gab es  keine Schwierigkeiten, sich gegenseitig zu verständigen.
"Die junge Dame spielt recht gut auf der Violine", meinte Hans.
"Diese junge Dame heißt Ulla", sagte einer der Jungen, der sich als Jan vorgestellt hatte.
"Aber das ist doch eine merkwürdige Zusammenstellung, Geige und Schlagzeug", versuchte Hans zu kritisieren.
"Du verstehst etwas von Musik?"
Hans saß der Schabernack im Nacken. "Soll ich eich do druff e Antwort gewwe, dann geb' ich mich ganz unbescheiden. Eich komme aus dem Musiganteland von Kusel. Dort kann jeder mindestens een Instrument spiele. Viel  beherrsche ach zwee odder drei. Hanner verschtann?"
"Nein, nicht richtig verstanden. Aber du kannst ein Instrument spielen? Vielleicht die Gitarre?"
Hans nickte. Wieder riefen alle durcheinander. "Er kann Gitarre spielen!"
Schon drückte ihm ein Junge die Gitarre in die Hand, die herrenlos neben Ulla auf einem Stuhl gelegen hatte. Hans stimmte das Instrument und schlug ein paar Akkorde an."
"Er kann wirklich Gitarre spielen", wiederholte Jan. "Kannst du Ulla begleiten?"
"Ich müßte es versuchen. Von den anderen kann keiner Gitarre spielen?"
"Keiner kann es richtig. Die Gitarre gehört Ullas Freund. Er spielt sehr gut. Aber der ist davongelaufen. Die beiden sind zerstritten."
Hans pfiff leise durch die Zähne. "So etwas soll vorkommen", meinte er und gab sich sachverständig. "Sie werden sich bald wieder vertragen!"

Er lief hinüber zu den beiden Musikanten und begleitete deren Melodien, die ihm teilweise bekannt vorkamen. Bald hatte sich das Trio eingespielt. Sie musizierten ununterbrochen den ganzen Abend lang. Alle anderen scherzten, lachten, tanzten, tobten umher. Allmählich wurde es dunkel. Die glühend rote Sonne versank langsam hinter den Bäumen am Horizont. Die jungen Leute warfen frisches Holz in die Glut des glimmenden Feuers. Die Flammen leuchteten wieder hell auf. Dann verschwand ein Pärchen nach dem anderen irgendwo in Heide und Gebüsch. Zuletzt zog auch der Schlagzeuger davon.
Hans schaute Ulla in die Augen. "Sollen wir ganz allein weiter spielen, nur für uns?"
Sie warf den Fiedelbogen in das Gebüsch und ließ die Geige in das Gras fallen, das schöne, mit Intarsien geschmückte Instrument. Die junge Frau konnte ihren Zorn nicht verstecken.
"Nicht einmal die Eulen und die Katzen hören uns zu. Eigentlich bin ich müde, und ich möchte selbst nichts mehr hören und sehen."
"Den ganzen Abend über hast du gewartet?"
Das Licht der Flammen huschte über ihr Gesicht. Hans entdeckte eine Träne unter ihren Augen.
"Laß es gut sein", wich sie mit gespielter Gelassenheit einer Antwort aus. "Weißt du eigentlich, wo du für den Rest der Nacht bleiben willst?"
"Nach Hasle werde ich laufen. Und du wirst ganz allein hier bleiben neben einem verfallenen Haus, neben einem verlassenen Planwagen und einem einsamen Pferd. Und du wirst zuschauen, wie das Feuer ganz herunter brennt und bis die Glut verlischt."
Und da begann sie wieder zu lachen. "Nein, so lange werde ich nicht warten müssen. Es wird nicht lange dauern, und die ersten Ausreißer werden zurückkehren. Aber mein Auto steht an der Hauptstraße auf einem Parkplatz. Vielleicht eine halbe Stunde von hier entfernt."
"Ich sollte dich dahin begleiten?"
"Daran könnte ich dich kaum hindern. Ich würde dich aber sofort nach Hasle bringen!"
"Wahrscheinlich sitzt die Crew noch im Mannschaftsraum beim Kartenspiel. Sie denken nicht daran, daß ich hier inmitten der Insel den Geheimnissen der Welt nachlaufe. Nein, ich habe nicht so viel Sehnsucht nach dem Schiff. Aber man hat mir schon ein Nachtquartier angeboten. "
"Verstehe ich recht?"
"Ja, der Pfarrer von Olskirke gab mir den Schlüssen für ein Wochenendhaus."
"Hedehus? Das ist nicht weit von hier. Ich kenne Hedehus sehr gut."
"Am Ende bist du eine Tochter des Pfarrers?"
Sie lachte schallend. "Nein, das bin ich nicht. Aber eine Tochter des Pfarrers ist meine Freundin. Mit ihr bin ich dort gewesen."
Minutenlang schwiegen sie und schauten sich in die Augen. Dann ergriff Hans wieder das Wort.
"Wir sollten uns entscheiden. Du kannst mich so schnell wie möglich in deinem Auto nach Hasle bringen. Oder ... "
Wieder Schweigsamkeit.
Sie brachten die Musikinstrumente zu dem Planwagen, liefen dann über den Heidepfad zum dem Hedehus, das sie nach wenigen Minuten erreichten.

      *  *  *
 

Als sie am Morgen vom Hedehus  aufbrachen, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Sie hielten sich an den Händen und liefen geradewegs nach Westen der Küste entgegen. Beide schwelgten in dem Gefühl, die ganze Welt habe nie so hell geleuchtet wie an diesem strahlenden Sommermorgen. Die tausend Farben der Honigblüten schimmerten im weiten Wiesenteppich. Am Wegrand klapperten die Flügel einer Windmühle.
"Das ist Bymølle, die Stadtmühle", erklärte Ulla.
"Aber hier ist weit und breit keine Stadt!"
"Wahrscheinlich gehört die Mühle der Stadt Rønne, das ist die Hauptstadt auf unserer Insel."
"Wie hoch liegt eigentlich diese Heideebene über dem Meeresspiegel?"
"Ich weiß es nicht genau. Vielleicht 100 Meter hoch."
"Und das ist Hochgebirge in Dänemark?"
"Ja, wenn es dir so gefällt. Der höchste Punkt auf unserer Insel liegt 160 Meter über dem Meer. So hoch ist kein anderer Berg in Dänemark. Wir werden jetzt die Straße überqueren,  und dann kommen wir bald zur Küste. Sie fällt steil ab zum Meer hinunter."

Sie erreichten die Autostraße, wanderten auf ihr etwa einen Kilometer weit nach Süden, bogen dann auf einen Feldweg ein, der geradewegs zum Steilhang führte. Erst dicht vor der Abbruchkante sahen sie das Meer mit seinen schäumenden Wellen und mit Schiffen in der Ferne wie winziges Spielzeug.

"Du liebst es auf dem Meer zu fahren?" fragte Ulla.
"Ja, am liebsten auf großen Segelschiffen. Du magst das nicht so sehr?"
"Ja, doch. Aber ich werde schnell søsyge."
"Seekrank wirst du?"
"Nur auf kleinen Schiffen und auf Segelschiffen. Nicht so sehr auf großen Schiffen. In eurer Gegend gibt es keine Schiffe, und doch magst du die Seefahrt."
"So sind die Menschen. Sie sind immer auf der Suche nach merkwürdigen dingen, immer auf der Suche nach dem Anderen."

Eine breite und steile Treppen mit endlos vielen Stufen führte durch eine enge Schlucht hinunter zu  einer Felsenhöhle.
"Das ist Jons Kapel oder die Johanneskapelle. In vielen Millionen Jahren hat das Meer die Höhle aus den Felsen heraus gespült."
 
Sie standen unten am Strand und schauten die Küste entlang. Seevögel saßen in der Wand, ließen sich in den Aufwind fallen und kreisten über dem Meer.
Ulla zeigte auf einen hohen Felsen in der Nähe. "Das ist Hvidsklov, die weiße Wand. Sie ist weiß anzusehen, wenn bei Sturm die Wellen da hinauf schlagen."
"Wunderschön dieses Felsmassiv dicht vor der See", schwärmte Hans.

Die Brandung war nicht besonders stark an diesem Morgen. Sie stolperten einige hundert Meter weit über den schmalen, steinigen Strand und erreichten dann den Fahrradweg, der von Halse her zur Nordspitze der Insel führt. Sanftere Berghänge lösten die steilen Felswände ab. In der Ferne ragte
eine Reihe schwarzer Windräder über die Hügel hinaus. Ulla streckte ihre Arme aus. "Hinter diesen dunklen Windrädern liegt die schöne Stadt Hasle mit ihren freundlichen Menschen!"

Bei dem Gasthaus in einem Fischerdorf ließen sie sich ein Frühstück servieren. Die Gastwirtin redete mit Ulla auf dänisch, und Hans bemerkte nur, daß in dem Gespräch auch von "Radio Bornholm" die Rede war.
"Am Radio sind sie dir immer noch auf den Fersen. Und sie erzählen, du wärest jetzt in der Begleitung einer jungen Frau. Wahrscheinlich wird die Wirtin sofort anrufen und sagen, daß wir hier in dem Dorf angekommen sind."
"Du wirst wirklich mit mir kommen nach Deutschland?"
"Aber nicht mit dem Segelschiff."
"In zwei Tagen wird die ARON in Stralsund anlegen. Dann will ich sofort nach Hause fahren."
"Ich nehme in Hasle ein Taxi und fahre zu meinem Auto. Und morgen nehme ich die Fähre nach Stralsund. Sie wird früher da sein als das Segelschiff. Und ich werde auf dich warten."

Immer dem Meer entlang liefen sie weiter und erreichten in der Mittagstunde den viel zu großen Hafen von Hasle. Die Masten der ARON ragten hoch über alle anderen Schiffe hinaus. Ulla und Hans kamen nah an das Schiff heran. Hans sah, daß die Mannschaft schon die Segel klar machte. Neben dem Anlegeplatz parkte ein Auto, und neben dem Auto stand Eric, der Mann mit dem Fotoapparat, jener Wissenschaftler, der die Helleristninger fotografiert hatte.

Ulla errötete, schaute Hans ins Gesicht, lief dann zu Eric hinüber, fiel ihrem Freund in die Arme. Hans wußte, daß Ulla in Stralsund nicht auf ihn warten würde.

Minuten vergingen. Eric kam zu Hans herüber und reichte ihm die Hand. "Dort in der Wildnis bei Allinge hätte ich dir besser einen Holzprügel ins Kreuz geschlagen!"
"Nichts für ungut. Ich lade euch trotzdem zu einem Besuch in Kusel ein."
"Wir dich besuchen. In einigen Tagen können wir schon dort sein."
"Ich zeige euch das Heimatmuseum, und die Lichtenburg, das Musikantenmuseum .... "

Kristian, der Kapitän, stand an der Reling. "Nun komm son Hans! Oder wir fahren wieder ohne dis fort." Auf dem Schiff war für Spott gesorgt.
"Ick habe jeglobt du wolltest für immer auf dieser Insel bleiben", sagte Lothar, der Berliner.
"Ich mein', deine Freundin aus Kusel is da noch mal gut davon gekomme", sagte Wolf aus Frankfurt.
Der Kapitän am Ruder wurde ungeduldig. "Endlich jeder an seinen Platz! Alle Leinen los!"

Ganz langsam schwebte die ARON dem offenen Meer entgegen.